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Pressebericht: Rems-Murr-Rundschau
Annette Clauß, 06.05.2003
Sie helfen beim Sprung über die Sprachbarriere
Das in der Paulinenpflege Winnenden angesiedelte Institut für Gebärdensprache bildet Dolmetscher aus.

Angenehm ist ein Termin vor Gericht, bei Behörden oder im Krankenhaus wohl für keinen. Für die rund 80 000 Gehörlosen in Deutschland wird er schnell zum Spießrutenlauf. Denn sie sind auf die Hilfe eines Dolmetschers angewiesen – und davon gibt es zu wenig. Das Institut für Gebärdensprache in Winnenden bietet deshalb eine Fortbildung zum Gebärdensprachdolmetscher an.

„Freiwillige vor – wir besprechen die Hausaufgabe“ sagt die Gebärdensprachdolmetscherin Simone Scholl und schaut suchend in die Runde. Sieben Frauen und eine Mannsitzen am ovalen Tisch im Verwaltungsgebäude der Paulinenpflege. Sie alle werden im Juni eine Prüfung zum Gebärdensprachdolmetscher ablegen – nach mehr als 22 Monaten intensiven Studiums.
Alle 2 Wochen, jeweils freitags und samstags, reisen die Studenten aus ganz Baden-Württemberg nach Winnenden – zum Unterricht ins Institut für Gebärdensprache.
Sie pauken die Grammatik der Deutschen Gebärdensprache (DGS), üben sich in Mimik, Gestik und Rhetorik sowie im Übersetzen. Auch im Sozial- und Schwerbehindertenrecht und in der Geschichte und Kultur Gehörloser müssen sie fit sein.
Fast alle Kursteilnehmer treibt ein persönliches Interesse: sie haben gehörlose Angehörige. Auch Isolde Vögtlin. Die 36-jährige dolmetscht schon fast ihr ganzes Leben, wenn auch „nicht immer freiwillig“. Die hörende Tochter gehörloser Eltern hatte keine Wahl, sie musste von klein auf ihre Eltern bei Behördengängen begleiten und Telefonate für sie führen. Einmal fürchtete ihr Vater um seinen Arbeitsplatz – zu den Verhandlungen nahm er die kleine Isolde als Dolmetscherin mit. Die Sache ging gut aus, der Vater behielt seinen Job.
Manchmal war es vielleicht zu viel Verantwortung – trotzdem hat die junge Frau Gehörlosenpädagogik studiert und nebenbei als Übersetzerin gearbeitet. „Die Gebärdensprache ist eine wahnsinnig schöne Sprache“, schwärmt sie. Wie in der deutschen Lautsprache gibt es Dialekte – die Gebärden variieren nach Region und danach, welche Schule eine Gehörloser besucht hat. Isolde Vögtlin lächelt: „Das ist eher ein Problem für die Übersetzer als für die Gehörlosen".
Heute steht das simultane Übersetzen einer Rede von Ministerin Bulmahn auf dem Stundenplan. Ihre Übersetzungsvorschläge haben die Kursteilnehmer zuhause aufgenommen und auf Video mitgebracht. Jetzt knobelt die Runde gemeinsam an der Lösung. Marion Maier, Schulsekretärin und Tochter einer gehörlosen Mutter, flimmert über den Fernsehschirm. Satz für Satz analysiert die Gruppe die Gebärden der jungen Frau. Die Diskussion ist lebhaft, alle sind voll bei der Sache.
Wie lässt sich der Begriff „Technik-Muffel“ übersetzen und welche Gebärden treffen solche Wortungetüme wie die „provozierende Diskrepanz“ in Ministerin Bulmahns Rede am besten ? Fast jeder am Tisch hat einen Vorschlag parat: Die eine richtige Lösung, es gibt sie nicht. Wohl aber elegante und weniger elegante. „Wichtig ist erst einmal, verstanden zu werden“ mahnt Simone Scholl, „und danach kümmern wir uns um die Schönheit“. Gerade beim simultanen Dolmetschen darf der Übersetzende den Anschluss nicht verlieren.
„Das war aber schön formuliert“ gibt`s dennoch kurz darauf ein Lob für Philipp Starks Übersetzungsvorschlag. Der 22-jährige hat keine gehörlosen Angehörigen, er ist „per Zufall“ beim Gebärdendolmetschen gelandet. „Eine Kollegin hat mich gebeten , einen Gehörlosen zu einem Vortrag zu fahren“, erzählt der gelernte Bankkaufmann. Dabei wurde er zu einem Gehörlosen-Treffen eingeladen, ging hin und „fand es interessant“. Seine Kenntnisse in DGS hat Philipp Stark zum großen Teil bei Treffen mit Gehörlosen aufgeschnappt und dann daheim vor dem Spiegel geübt. Vor zehn Monaten machte er sich als Gebärdensprachdolmetscher selbstständig. „Die Arbeit macht Spass und das Geschäft läuft gut“, sagt er.
Kein Wunder, schließlich gibt es noch immer zu wenig Hörende, die die Gebärdensprache beherrschen und sie übersetzen können. An amerikanischen und skandinavischen Schulen , sagt Rita Wagner, die Geschäftsführerin des Instituts für Gebärdensprache, hat die Gebärdensprache hingegen ihren festen Platz im Unterricht – so wie andere Fremdsprachen auch. In Deutschland aber ist der Gebärdensprachdolmetscher bislang nicht einmal ein anerkanntes Berufsbild. „Die Arbeit als Gebärdensprachdolmetscher bringt einen sehr viel weiter“, findet Philipp Star: „Man kann helfen, auch wenn das ein Bäh-Wort ist.“ Auch Isolde Vögltin schöpft „ viel Energie“ aus ihrer Tätigkeit – Energie für den Sprung über die Kommunikationsbarriere.