Sie helfen beim Sprung über die Sprachbarriere
Das in der Paulinenpflege Winnenden angesiedelte Institut für Gebärdensprache
bildet Dolmetscher aus.
Angenehm ist ein Termin vor Gericht, bei Behörden oder im Krankenhaus
wohl für keinen. Für die rund 80 000 Gehörlosen in Deutschland
wird er schnell zum Spießrutenlauf. Denn sie sind auf die Hilfe
eines Dolmetschers angewiesen – und davon gibt es zu wenig. Das
Institut für Gebärdensprache in Winnenden bietet deshalb eine
Fortbildung zum Gebärdensprachdolmetscher an.
„Freiwillige vor – wir besprechen die Hausaufgabe“ sagt
die Gebärdensprachdolmetscherin Simone Scholl und schaut suchend
in die Runde. Sieben Frauen und eine Mannsitzen am ovalen Tisch im Verwaltungsgebäude
der Paulinenpflege. Sie alle werden im Juni eine Prüfung zum Gebärdensprachdolmetscher
ablegen – nach mehr als 22 Monaten intensiven Studiums.
Alle 2 Wochen, jeweils freitags und samstags, reisen die Studenten aus
ganz Baden-Württemberg nach Winnenden – zum Unterricht ins
Institut für Gebärdensprache.
Sie pauken die Grammatik der Deutschen Gebärdensprache (DGS), üben
sich in Mimik, Gestik und Rhetorik sowie im Übersetzen. Auch im
Sozial- und Schwerbehindertenrecht und in der Geschichte und Kultur Gehörloser
müssen sie fit sein.
Fast alle Kursteilnehmer treibt ein persönliches Interesse: sie
haben gehörlose Angehörige. Auch Isolde Vögtlin. Die 36-jährige
dolmetscht schon fast ihr ganzes Leben, wenn auch „nicht immer
freiwillig“. Die hörende Tochter gehörloser Eltern hatte
keine Wahl, sie musste von klein auf ihre Eltern bei Behördengängen
begleiten und Telefonate für sie führen. Einmal fürchtete
ihr Vater um seinen Arbeitsplatz – zu den Verhandlungen nahm er
die kleine Isolde als Dolmetscherin mit. Die Sache ging gut aus, der
Vater behielt seinen Job.
Manchmal war es vielleicht zu viel Verantwortung – trotzdem hat
die junge Frau Gehörlosenpädagogik studiert und nebenbei als Übersetzerin
gearbeitet. „Die Gebärdensprache ist eine wahnsinnig schöne
Sprache“, schwärmt sie. Wie in der deutschen Lautsprache
gibt es Dialekte – die Gebärden variieren nach Region und
danach, welche Schule eine Gehörloser besucht hat. Isolde Vögtlin
lächelt: „Das ist eher ein Problem für die Übersetzer
als für die Gehörlosen".
Heute steht das simultane Übersetzen einer Rede von Ministerin Bulmahn
auf dem Stundenplan. Ihre Übersetzungsvorschläge haben die
Kursteilnehmer zuhause aufgenommen und auf Video mitgebracht. Jetzt knobelt
die Runde gemeinsam an der Lösung. Marion Maier, Schulsekretärin
und Tochter einer gehörlosen Mutter, flimmert über den Fernsehschirm.
Satz für Satz analysiert die Gruppe die Gebärden der jungen
Frau. Die Diskussion ist lebhaft, alle sind voll bei der Sache.
Wie lässt sich der Begriff „Technik-Muffel“ übersetzen
und welche Gebärden treffen solche Wortungetüme wie die „provozierende
Diskrepanz“ in Ministerin Bulmahns Rede am besten ? Fast jeder
am Tisch hat einen Vorschlag parat: Die eine richtige Lösung, es
gibt sie nicht. Wohl aber elegante und weniger elegante. „Wichtig
ist erst einmal, verstanden zu werden“ mahnt Simone Scholl, „und
danach kümmern wir uns um die Schönheit“. Gerade beim
simultanen Dolmetschen darf der Übersetzende den Anschluss nicht
verlieren.
„Das war aber schön formuliert“ gibt`s dennoch kurz darauf
ein Lob für Philipp Starks Übersetzungsvorschlag. Der 22-jährige
hat keine gehörlosen Angehörigen, er ist „per Zufall“ beim
Gebärdendolmetschen gelandet. „Eine Kollegin hat mich gebeten
, einen Gehörlosen zu einem Vortrag zu fahren“, erzählt
der gelernte Bankkaufmann. Dabei wurde er zu einem Gehörlosen-Treffen
eingeladen, ging hin und „fand es interessant“. Seine Kenntnisse
in DGS hat Philipp Stark zum großen Teil bei Treffen mit Gehörlosen
aufgeschnappt und dann daheim vor dem Spiegel geübt. Vor zehn Monaten
machte er sich als Gebärdensprachdolmetscher selbstständig. „Die
Arbeit macht Spass und das Geschäft läuft gut“, sagt
er.
Kein Wunder, schließlich gibt es noch immer zu wenig Hörende,
die die Gebärdensprache beherrschen und sie übersetzen können.
An amerikanischen und skandinavischen Schulen , sagt Rita Wagner, die
Geschäftsführerin des Instituts für Gebärdensprache,
hat die Gebärdensprache hingegen ihren festen Platz im Unterricht – so
wie andere Fremdsprachen auch. In Deutschland aber ist der Gebärdensprachdolmetscher
bislang nicht einmal ein anerkanntes Berufsbild. „Die Arbeit als
Gebärdensprachdolmetscher bringt einen sehr viel weiter“,
findet Philipp Star: „Man kann helfen, auch wenn das ein Bäh-Wort
ist.“ Auch Isolde Vögltin schöpft „ viel Energie“ aus
ihrer Tätigkeit – Energie für den Sprung über die
Kommunikationsbarriere. |