Weglassen gilt nicht
In Winnenden werden Menschen in Gebärdensprache ausgebildet
Ein Finger sticht in die Luft. Beschreibt einen Kreis. Wischt am Gesicht
entlang. Dann schlagen zwei Fäuste aufeinander. Was für den
Laien wie wildes Gestikulieren aussehen mag, können Gehörlose
bestens verstehen. Seit der Neuerung des Sozialgesetzbuches im Jahr 2000
ist es amtlich: Die Gebärdensprache ist als eigenständige
Sprache anerkannt.
Höchste Zeit, dass es Dolmetscher gibt, die sie beherrschen. Beim
Winnender Institut für Gebärdensprache in Baden-Württemberg
hat bereits der zweite Kurs begonnen, in dem dreizehn Menschen innerhalb
von zwei Jahren berufsbegleitend zu Gebärdensprachdolmetschern ausgebildet
werden.
Eine merkwürdige Klasse, die rund um ihre gehörlose Lehrerin
Gabriele Braig Platz nimmt. Kaum ein Laut fällt während der
Unterrichtsstunden am Freitagnachmittag , es sei denn jemand reißt – mit
den Händen – einen Witz. Dann brechen alle in Gelächter
aus, Schultenzucken, Finger fliegen durch die Luft. Für den Laien
eine fremde Welt, unverständlich noch, als sprächen die Kursteilnehmer
Kisuaheli. Denn es ist keine Stimme zu hören, die ein Gefühl
vermitteln oder eine Stimmung ausdrücken könnte. All das schaffen
die Gebärdensprachdolmetscher mit Hilfe ihrer Hände und der
Mimik.
Und sie sind dabei kein Stück eingeschränkt. „Ich liebe
die Gebärdensprache; sie ist so genial, man kann so viel ausdrücken.
Egal ob es Poesie ist oder etwas zum Totlachen, mit den Händen ist
einfach alles möglich“, so Evelyn Sternberger begeistert.
Wenn die 32-jährige Kursteilnehmerin spricht, wirbelt sie ebenfalls
mit den Händen – Gestik und Mimik gehören bei ihr einfach
dazu. Die gelernte Schneiderin kam über Freunde und deren gehörlosen
Sohn zur Gebärdensprache. Ein Volkshochschulkurs war ihr nicht genug,
mit der Ausbildung in Winnenden erfüllt sie sich nun einen Herzenswunsch.
Einfach ist die Aufgabe für Evelyn Sternberger und ihre Mitschüler
nicht. Lehrerin Braig schiebt eine Folie auf den Projektor, und die Schüler
schauen sich den ersten Satz an, den sie übersetzen sollen : „die
reiche Familie besitzt ein großes Haus, einen gepflegten Garten,
zwei teure Autos und eine alte Katze“. Beim „Haus“ wird
der Hörende vielleicht nicht verzagen, spätestens aber bei
Attributen wie „reich“, „gepflegt“ und „alt“.
Auch die Schüler stutzen. Dann üben und probieren sie eine
Minute lang für sich, bevor sie der Lehrerin und den anderen zeigen,
wie sie übersetzen würden.
Dabei gibt es nicht automatisch richtig und falsch. Zeigt man „reich“ am
besten an, indem man Daumen und Zeigefinger aneinander reibt und dazu
ein wichtiges Gesicht macht ? Oder indem man imaginäres Geld aus
der Hemdtasche zieht ?
Mit kritischen Blicken verfolgen die Mitschüler die Gesten der anderen
. Plötzlich wieder Gelächter : Eine Schülerin hat der
Lehrerin zu verstehen gegeben, der letzte Satz sei aber wirklich schwer. „Ihr
könnt ihn ja weglassen“, gebärdet Gabriele Braig zurück
und grinst.
Können sie natürlich nicht, später im Beruf geht das schließlich
auch nicht.
Gebärdensprachdolmetscher kommen vor Gericht zum Einsatz, etwa um
Zeugenaussagen zu übersetzen. Sie begleiten bei Amtsgängen
und Fortbildungen. Weil die Kursteilnehmer schon fit sein müssen,
um überhaupt für die Ausbildung in Frage zu kommen, habe sie
auch schon frühzeitig kleine Aufträge.
Der Bedarf ist groß, allein in Baden-Württemberg gibt es rund
8000 Gehörlose.
Vorkenntnisse sind wichtig. Und die richtige Einstellung. „Wenn
ich einen Aspiranten
Frage, warum er die Gebärdensprache erlernen möchte, und er
antwortet, weil ich helfen will, dann ist das leider die falsche Antwort“ sagt
Rita Wagner, Geschäftsführerin des Institut für Gebärdensprache.
Gebärdensprachdolmetscher, erklärt sie, sind Dienstleister
und nicht Sozialarbeiter. Sie sollen übersetzen, nicht etwa dem
Gehörlosen versuchen zu vermitteln, was vielleicht besser für
ihn wäre.
„
Die Zeiten, dass man gehörlos mit dumm verwechselt hat, sind Gott
sei Dank vorbei“, fügt sie hinzu.
Vorbei auch die Zeiten, in denen Gehörlosen verboten wurde, die
Hände zu benutzen, um sich verständlich zu machen. Nur so lernten
die Betroffen richtig sprechen, hieß es früher.“ Es
gibt noch Kontroversen zwischen Ärzten und Betroffenen, aber sich
mit Gesten auszudrücken ist eine ganz natürliche Reaktion und
sollte nicht unterdrückt werden“, sagt Rita Wagner.
Der 26-jährige Sven Weil arbeitet hauptberuflich als Erzieher beim
Berufsbildungswerk der Paulinenpflege und ist für zwölf gehörlose
Jungen zuständig. Er möchte später bei Gericht arbeiten. „Dolmetschen
bei Nachrichten im Fernsehen , dass wäre nicht so mein Ding.“ Am
Gericht reizt ihn, dass es anspruchsvolle Arbeit ist „und auch
gefährlich, weil man sich keinen Fehler leisten darf“. Mit
zwei Fingern greifen wir zum Kopf und machen eine ausladende Geste : „Hut
ab !“ |