Intern | Stuttgarter Nachrichten | Backnanger Zeitung | Rems-Murr Rundschau
Pressebericht: Stuttgarter Nachrichten
Alexia Angelopoulou, 05.07.2003
Weglassen gilt nicht
In Winnenden werden Menschen in Gebärdensprache ausgebildet

Ein Finger sticht in die Luft. Beschreibt einen Kreis. Wischt am Gesicht entlang. Dann schlagen zwei Fäuste aufeinander. Was für den Laien wie wildes Gestikulieren aussehen mag, können Gehörlose bestens verstehen. Seit der Neuerung des Sozialgesetzbuches im Jahr 2000 ist es amtlich: Die Gebärdensprache ist als eigenständige Sprache anerkannt.
Höchste Zeit, dass es Dolmetscher gibt, die sie beherrschen. Beim Winnender Institut für Gebärdensprache in Baden-Württemberg hat bereits der zweite Kurs begonnen, in dem dreizehn Menschen innerhalb von zwei Jahren berufsbegleitend zu Gebärdensprachdolmetschern ausgebildet werden.
Eine merkwürdige Klasse, die rund um ihre gehörlose Lehrerin Gabriele Braig Platz nimmt. Kaum ein Laut fällt während der Unterrichtsstunden am Freitagnachmittag , es sei denn jemand reißt – mit den Händen – einen Witz. Dann brechen alle in Gelächter aus, Schultenzucken, Finger fliegen durch die Luft. Für den Laien eine fremde Welt, unverständlich noch, als sprächen die Kursteilnehmer Kisuaheli. Denn es ist keine Stimme zu hören, die ein Gefühl vermitteln oder eine Stimmung ausdrücken könnte. All das schaffen die Gebärdensprachdolmetscher mit Hilfe ihrer Hände und der Mimik.
Und sie sind dabei kein Stück eingeschränkt. „Ich liebe die Gebärdensprache; sie ist so genial, man kann so viel ausdrücken. Egal ob es Poesie ist oder etwas zum Totlachen, mit den Händen ist einfach alles möglich“, so Evelyn Sternberger begeistert. Wenn die 32-jährige Kursteilnehmerin spricht, wirbelt sie ebenfalls mit den Händen – Gestik und Mimik gehören bei ihr einfach dazu. Die gelernte Schneiderin kam über Freunde und deren gehörlosen Sohn zur Gebärdensprache. Ein Volkshochschulkurs war ihr nicht genug, mit der Ausbildung in Winnenden erfüllt sie sich nun einen Herzenswunsch.
Einfach ist die Aufgabe für Evelyn Sternberger und ihre Mitschüler nicht. Lehrerin Braig schiebt eine Folie auf den Projektor, und die Schüler schauen sich den ersten Satz an, den sie übersetzen sollen : „die reiche Familie besitzt ein großes Haus, einen gepflegten Garten, zwei teure Autos und eine alte Katze“. Beim „Haus“ wird der Hörende vielleicht nicht verzagen, spätestens aber bei Attributen wie „reich“, „gepflegt“ und „alt“. Auch die Schüler stutzen. Dann üben und probieren sie eine Minute lang für sich, bevor sie der Lehrerin und den anderen zeigen, wie sie übersetzen würden.
Dabei gibt es nicht automatisch richtig und falsch. Zeigt man „reich“ am besten an, indem man Daumen und Zeigefinger aneinander reibt und dazu ein wichtiges Gesicht macht ? Oder indem man imaginäres Geld aus der Hemdtasche zieht ?
Mit kritischen Blicken verfolgen die Mitschüler die Gesten der anderen . Plötzlich wieder Gelächter : Eine Schülerin hat der Lehrerin zu verstehen gegeben, der letzte Satz sei aber wirklich schwer. „Ihr könnt ihn ja weglassen“, gebärdet Gabriele Braig zurück und grinst.
Können sie natürlich nicht, später im Beruf geht das schließlich auch nicht.
Gebärdensprachdolmetscher kommen vor Gericht zum Einsatz, etwa um Zeugenaussagen zu übersetzen. Sie begleiten bei Amtsgängen und Fortbildungen. Weil die Kursteilnehmer schon fit sein müssen, um überhaupt für die Ausbildung in Frage zu kommen, habe sie auch schon frühzeitig kleine Aufträge.
Der Bedarf ist groß, allein in Baden-Württemberg gibt es rund 8000 Gehörlose.
Vorkenntnisse sind wichtig. Und die richtige Einstellung. „Wenn ich einen Aspiranten
Frage, warum er die Gebärdensprache erlernen möchte, und er antwortet, weil ich helfen will, dann ist das leider die falsche Antwort“ sagt Rita Wagner, Geschäftsführerin des Institut für Gebärdensprache. Gebärdensprachdolmetscher, erklärt sie, sind Dienstleister und nicht Sozialarbeiter. Sie sollen übersetzen, nicht etwa dem Gehörlosen versuchen zu vermitteln, was vielleicht besser für ihn wäre.
„ Die Zeiten, dass man gehörlos mit dumm verwechselt hat, sind Gott sei Dank vorbei“, fügt sie hinzu.
Vorbei auch die Zeiten, in denen Gehörlosen verboten wurde, die Hände zu benutzen, um sich verständlich zu machen. Nur so lernten die Betroffen richtig sprechen, hieß es früher.“ Es gibt noch Kontroversen zwischen Ärzten und Betroffenen, aber sich mit Gesten auszudrücken ist eine ganz natürliche Reaktion und sollte nicht unterdrückt werden“, sagt Rita Wagner.
Der 26-jährige Sven Weil arbeitet hauptberuflich als Erzieher beim Berufsbildungswerk der Paulinenpflege und ist für zwölf gehörlose Jungen zuständig. Er möchte später bei Gericht arbeiten. „Dolmetschen bei Nachrichten im Fernsehen , dass wäre nicht so mein Ding.“ Am Gericht reizt ihn, dass es anspruchsvolle Arbeit ist „und auch gefährlich, weil man sich keinen Fehler leisten darf“. Mit zwei Fingern greifen wir zum Kopf und machen eine ausladende Geste : „Hut ab !“